Archiv für den Monat: November 2017

Nico Paech 13.10.17 Club Orange vh ulm – Gutes Leben ohne Wachstum: Umweltökonom und Wachstumskritiker Niko Paech begeistert im Club Orange 250 Zuhörer

DIES IST EINE VERGANGENE VERANSTALTUNG!

Nico Paech | 13.10.17 | Club Orange | vh ulm

Die lange gehegte Hoffnung, dass wirtschaftliches Wachstum durch technischen Fortschritt nachhaltig oder klimafreundlich gestaltet werden kann, bröckelt: ein auf dauerhaftes Wachstum getrimmtes Wirtschaftssystem kann kein Garant für Stabilität und soziale Sicherheit sein, zumal wenn knappe Ressourcen, Artenschwund und Klimawandel weltweit klare Grenzen setzen.

Niko Paech, Professor für Wachstumsökonomik in Siegen und bundesweit bekannter Wachstumskritiker, befasst sich bereits seit 2005 mit Konsumforschung und ökologischer Ökonomie. Auf dem Forum der lokalen agenda ulm 21 war er am 13. Oktober zu Gast und trug seine Ideen vor, wie unser Wirtschaftssystem nachhaltig und klimafreundlich umgebaut werden müsste.

Bereits 1972 hat der Club of Rome, ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern, mit einem Bericht für den Deutschen Bundestag die „Grenzen des Wachstums“ aufgezeigt. Zentrale Aussage der Studie: Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht. Der Grundstein für die moderne Wachstumskritik war gelegt; die Antwort des Club of Rome auf diese Herausforderung war eine Entkopplung von Wohlstandsentwicklung und Ressourcenverbrauch

Die heutige Generation von Wachstumskritikern – die Vertreter der Postwachstumsökonomik – geht inzwischen davon aus, dass dieses „grüne Wachstum“ mithilfe ökologischer Effizienz, veränderter Kreisläufe und erneuerbarer Energien nicht ausreichen wird, um die Wahrung eines ökologischen Gleichgewichts und den Wohlstand der gesamten Weltbevölkerung auf lange Sicht zu sichern. „Wer an dauerhaftes Wachstum glaubt, muss ein Idiot oder Volkswirt sein“, fasst Paech seinen Standpunkt zu dieser Frage zusammen.

Als wichtige Messgröße für eine nachhaltige Entwicklung sei hier der weltweite Anstieg der Durchschnittstemperatur genannt; auf der Klimakonferenz 2015 einigten sich die UN-Mitgliedsstaaten aus diesem Grund darauf, durch geeignete Maßnahmen den Anstieg auf 2°C seit Beginn der Industrialisierung zu begrenzen.

Um dieses Klimaziel zu erreichen, ist es notwendig, eine maximale Menge an CO2-Emissionen nicht zu überschreiten. Sie entspricht einem persönlichen CO2-Kontigent von 2,7 t pro Person und Jahr – weltweit. In Deutschland werden derzeit 11 t des Klimakillers ausgestoßen, in anderen Regionen der Erde haben die Bewohner noch Nachholbedarf.

Neue Ansätze, wie sie Paech vertritt, setzen auf die konsequente Reduktion der industriellen Produktion. Denn, so zeigt er anhand der Entwicklung der CO2-Emisssionen in Deutschland in den letzten 30 Jahren, eine nachweisliche Senkung des klimaschädlichen Treibhausgases erfolgte immer dann, wenn die industrielle Produktion zurückging, deutlich erkennbar zum Beispiel nach dem Fall der Mauer 1989, als ganze Branchen in der ehemaligen DDR den Betrieb einstellten, oder nach der weltweiten Finanzkrise 2007. Die aus Klimaschutzgründen erforderliche langfristige Reduktion um 95 % in Deutschland will Paech mit einem Vierstufenplan erreichen: Genügsamkeit – Selbstversorgung – regionale Kreisläufe – Umbau der Industrie.

Nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes sei es höchste Zeit, Wachstumsgrenzen anzuerkennen, erläuterte Paech. So seien auch ganz klar psychische Wachstumsgrenzen erkennbar, wenn man die Zunahme psychischer Erkrankungen betrachte. Als Indikator dafür führt er den Zuwachs von Antidepressiva in Deutschland an, deren Absatz sich von 2000 bis 2010 verdoppelt hat. Als Gegenmittel fordert er Genügsamkeit: „Wie ein Hamster im Hamsterrad“ sei der moderne Mensch gezwungen, durch möglichst viel Konsum seinen persönlichen Fortschritt zu „bebildern“. Zusammenfassend zitiert er aus dem Filmklassiker „Fight Club“: Von dem Geld, dass wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht mögen.

 

Damit ist auch schon die erste Stufe seines vierstufigen Reduktionsprogramms für die industrielle Produktion beschrieben: Selbstbegrenzung, Überprüfung des eigenen Konsumverhaltens, „das Leben entrümpeln“. Wer weniger konsumiere, habe mehr Zeit für die einzelne Konsumhandlung und könne sie demnach auch besser genießen. Insgesamt geht er davon aus, dass der Postwachstumsmensch ein glücklicheres, gesünderes und erfüllteres Leben führen wird.

 

Die zweite Stufe – Selbstversorgung – soll ebenfalls zur Entschleunigung des eigenen Lebens, aber natürlich auch zur Schonung der natürlichen Lebensgrundlagen beitragen: selbst produzierte Lebensmittel, Reparaturen zur Verlängerung der Lebensdauer von Sachen, geteilte Konsumgüter, all diese Ansätze können Teile der industriellen Produktion ersetzen. „Wenn wir Dinge doppelt so lang nutzen, halbieren wir den Bedarf an neuen Produkten – und damit an Rohstoffen“, so die einfache Rechnung des Experten.

 

Die regionale Ökonomie bildet die dritte Stufe des Reduktionsprogramms: so könnten nicht nur beim Kauf von Lebensmitteln die Betriebe vor Ort gestärkt werden. Auch die handwerkliche Reparaturwirtschaft trägt zu stabilen regionalen Strukturen, langlebigen Produkten und damit zur Nachhaltigkeit bei.

 

In letzter Konsequenz müsse dann Stufe vier greifen, denn nach Paechs Vorstellung muss die Industrie um mindestens 50 % zurückgebaut werden: der Umbau der industriellen Produktion. Wenn aufgrund der ersten drei Stufen weniger Güter benötigt und weniger Rohstoffe gebraucht würden, müsse sich das logischerweise auf die Produktionsmengen der Industrie auswirken. Halbierte Produktivität bedeute aber auch Halbierung der benötigten Arbeitsleistung. Die nun noch zu leistende Arbeit müsse fair verteilt werden. „Ich habe überall nachgelesen, bei Marx und in der Bibel: nirgends steht geschrieben, dass wir 40 Stunden pro Woche arbeiten sollen.“ Folglich müsse dann im Durchschnitt jeder nur noch 20 Stunden pro Woche arbeiten. Damit wären 20 Stunden frei für Kooperationen, handwerkliches Arbeiten, die Produktion von eigenen Lebensmitteln, fürs Teilen und die soziale Vernetzung.

 

Paechs Klimarettungsplan geht demnach weit über die in Deutschland geplanten Maßnahmen hinaus, die im wesentlichen auf den Einsatz regenerativer Energien setzen. Doch betrachtet man beispielsweise die Entwicklung von Sonnen- und Windkraft weltweit, wird schnell klar, dass der Anteil von derzeit 1 bzw. 2,8 % bei weitem nicht ausreicht, um das Klima zu retten. Hinzu kommt die Tatsache, dass die zunehmende Mobilität das größte ökologische Problem der Zukunft ist. In seinen Augen ist das Reisen – sei es privat oder geschäftlich – purer Hedonismus und andere Gründe nur vorgeschoben. „Eine Flugreise in die USA produziert 4 t CO2. Wer jährlich eine Fernreise macht, kann sein maximales Kontingent von 2,7 t pro Jahr nicht einhalten!“

 

Paech, der früher einmal Agenda 21-Beauftragter der Stadt Oldenburg war und aus Überzeugung Second-Hand-Jacketts trägt, hat selbst ein 20-Stunden-Arbeitsverhältnis an der Uni Siegen und nutzt die freie Zeit, um seine Ideen und Vorschläge im ganzen Land bekannt zu machen. Sein folgenreiches Reduktionsprogramm möchte er natürlich nur jenen abverlangen, die sich bereits in einem gewissen Sättigungszustand befinden. Demnach wären von Armut betroffene Menschen hier und anderswo auf der Welt selbstverständlich erst mal nicht in der Pflicht; schließlich sei das Programm mit dem Ziel umzusetzen, „Wohlergehen für alle Menschen im Rahmen der ökologisch gegebenen Grenzen“ zu erreichen.

Aus seiner Sicht kann der nötige Wandel nur durch einen Kulturwandel erreicht werden. Um diesen zu unterstützen, benötigt es eine Bewegung von unten: eine Kultur der Konsumverweigerung und Netzwerke, die sich gegenseitig unterstützen.

In Ulm sind bereits viele solcher Netzwerke verwirklicht: im Projekt „Solidarische Landwirtschaft Ulm“ werden Verbraucherinnen und Verbraucher selbst zu Gemüseproduzenten, es gibt Carsharing und Foodsharing, im Talente-Tauschring können Waren und Dienstleistungen getauscht werden, und das Reparatur-Café bietet eine Plattform nicht nur um Gegenstände gemeinsam zu reparieren. Nähere Infos im Agenda-Büro der Stadt Ulm.